Ohne Ausgleich - kein Erfolg
oder: Was Beziehungen lebendig macht
Ein paar Beobachtungen aus dem Familienstellen
Wer hat das noch nie irgendwo gehört oder sogar selbst erlebt, Sätze wie „Ich habe ihm doch alles gegeben! Das macht mich wütend. Warum gibt er mir nichts zurück?“ Oder „Ich habe sie doch alles entscheiden lassen! Das macht mich traurig. Warum lehnt sie mich nun ab?“
Nun - vielleicht deshalb.
Verzerrungen
Es ist für viele Menschen eine harte Lektion, sich klarzumachen, dass man Beziehungen nicht nur durch zu wenig Geben zerstören kann, sondern auch durch zu viel Geben. Beides sind Verzerrungen. Sie nehmen das Gegenüber nicht wirklich wahr und belasten es mit dem Bild, das man sich von ihm gemacht hat oder sich wünscht. Es ist ein Übergriff, unabhängig davon, ob man sich ein positives oder negatives Bild gemacht hat, eine Übertretung der Wirklichkeit.

Ausgleich
Es ist eine hohe Kunst, in Beziehungen zwischen Erwachsenen Geben und Nehmen in Bewegung zu halten und im Ausgleich. Wir sehen das beim Familienstellen. Gerade bei frühen Bindungsverletzungen erfordert es häufig eine echte Verhaltensänderung des Erwachsenen in der Kommunikation mit geliebten Menschen. Sonst zerstört er Beziehungen, obwohl er sie sich sehnlichst wünscht – und wundert sich dann darüber.
Denn oft ist ein Verzicht angesagt zugunsten der Beziehung, aber nicht der Beziehung nur zum anderen, sondern von sich und dem anderen zu einem höheren Wert oder einer höheren Kraft, die die Beziehung leitet, der die Beziehung dienen kann, abgesehen von gegenseitiger Bespaßung. Ohne Ziel, kein Weg. Und ohne Opfer, also Ausgleich, kein Erfolg. Ausgleich zwischen beiden und zwischen beiden und der zielführenden Kraft.
Was soll diese höhere Kraft, dieser Wert sein?
Wir entspringen dieser mysteriösen Kraft, der ultimativen Einheit, aus der alle und alles kommt, immer jetzt, und ohne ihr unsichtbares Dahintersein, hinter den erfahrbaren Dingen, hätten wir nicht mal eine Ahnung davon, wonach wir suchen könnten. Wonach suchen, wenn man nichts hinter etwas vermutet? Wir wären zivilisatorische Zweijährige geblieben, die nur kurzfristig etwas suchen. Kein Konzept von Suche, keine Anstrengung, keine Motivation, keinen Anreiz zum Herausfindenwollen, keine suchende Wissenschaft, kein Wissen um Erfolg und Belohnung, kein Bewusstsein.
Mit Blick auf diese Kraft erhält eine Beziehung Leben und wächst über die persönliche Enge hinaus, weil man durch sie den Geist des Lebens selbst durchschimmern sieht, ohne ihn nur auf das geliebte Gegenüber zu projizieren und ohne dem anderen ungefragt anzuheften, was persönlich so gar nicht erfüllt werden kann.

Standhalten
Das bedeutet, darauf zu verzichten, etwas zu nehmen, wenn man spürt, der andere würde zu viel geben, aus einer Erwartung oder Angst heraus oder aus erlernter Selbstvergessenheit. Wie auch darauf zu verzichten, etwas zu geben aus einer manipulativen Absicht heraus, etwa um die Bindung zu festigen, um der Angst vor Verlust oder Ablehnung zu entgehen oder dem Versuch einer unfairen Beschämung auszuweichen. Wie wenn man dich „Nazi“ nennt, obwohl du weißt, dass du das in diesem Leben nie sein wirst. All dem muss man standhalten.
Freiwilligkeit
Das Geben muss unverfälscht sein und freiwillig und die Antwort auf das Gegebene ebenfalls, und falls sie nicht kommt, wird man nicht hadern, sondern anhalten mit dem Geben, um zu beobachten, was die Realität verlangt. Was das Angemessene ist, was das Ziel abverlangt. Am Endergebnis kann man ablesen, ob man richtig lag.

Das Positive
Das sind oft Kinder. Die Weitergabe oder Förderung des Lebens. Oder ein sinnvolles Projekt oder ein kreatives Werk. Oder dass beide beschließen, um das eigene Verhalten zu ringen, mit dem Shreddern von viralen ideologiebeladenen Snippets im eigenen Denken und dem Praktizieren von Ehrlichkeit, Fairplay, Aufmerksamkeit, Respekt vor Grenzen, Gewissenhaftigkeit, der Geduld des Kompetenzerwerbs und der aktiven Suche nach Freude an positiven Werten.
Spiel
Ist der fast spielerische Ausgleich von Geben und Nehmen erst erlernt, werden beide einander nach und nach sichtbar durch ihre Grenzen und sie werden ebenbürtig. Sie haben keine Verlustängste, weil sie nicht nur in Beziehung zueinander sind, sondern auch zu etwas Unverlierbarem. Sie sind authentisch, offen und fröhlich und so können sie zusammen navigieren unter Ansteuern des gemeinsamen höheren Werts.
Corinna Grund
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